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Dokumente eines Lebens in der DDR (Foto: A. Huber)

„Kindheit zum Wohle aller“

Eindrücke aus einem Gespräch mit Frau Kapsch und Herrn Wichner über ihre Kindheit und Schulzeit in der DDR

14.01.2017: Aus erster Hand erfahren, worüber lange Zeit geschwiegen wurde: Frau Kapsch und Herr Wichner berichteten am 29.11.2016 Schülern der Deutschleistungskurse von Herrn Dr. Huber (Jg. 12) und Herrn Wichner (Jg. 11) aus ihrer Jugend in der DDR und beantworteten Fragen. Vorbereitet wurde das Gespräch von Louisa Brandt und Larissa Rohde (Jg. 12) als Beitrag zum Thema „Abschied von der DDR“ im Leistungskurs Deutsch von Herrn Dr. Huber.
Lebhaft erzählten die beiden Lehrer von einem Leben nach Leistung und Plan, von Karrieren in Sport, Schule, bei den „Jungpionieren“ sowie in der „FDJ“, der Freien Deutschen Jugend, auch von den kleinen Genüssen und Freuden des Alltags mit Luxuswaren aus dem verpönten Westen.

Doch auch Aspekte wie das Ausreiseverbot, die Mauer und der Umgang mit den jungen sowjetischen Soldaten in Ostdeutschland, ihr Leben unter Schikane und Drill, welche als dunkles Kapitel der DDR gelten und kaum ans westliche Tageslicht gelangten, wurden in den Blick gerückt.

Die Auswirkungen der intensiven Luft- und Umweltverschmutzung – Kehrseite der Industrieproduktion, auf die die DDR so stolz war – machten sich im Leben der jungen Frau Kapsch und des jungen Herrn Wichner bemerkbar und stießen auf Erstaunen bei den Zuhörern. Industrie wurde auch den jungen Bürgern des Arbeiterstaates mithilfe von unterrichtsbegleitender „Produktivarbeit“ – Arbeitseinsätze im industriellen Sektor als Vorbereitung auf das künftige Berufsleben in der Arbeiterklasse – nahegebracht. Folglich waren auch die Eindrücke vom damaligen Unterricht insofern positiv, als dass man in der Theorie und Praxis optimal ausgebildet wurde – vorbereitet allerdings auf das Leben in einem System, das weder Abweichung noch Widerspruch duldete.

Greifbar wurde unserer Generation nahegebracht, wie es sich anfühlt, wenn trotz Gemeinschaft das Auge und die Hand des Staates in Gestalt der eigenen Nachbarn – als Mitarbeiter und Zuträger der Stasi – im Wohnblock der Großstadt (Frau Kapsch) und in der Dorfgemeinschaft (Herr Wichner) präsent waren.

Die Gewichtung sportlicher Aktivitäten in der DDR war auch ein zentrales Thema des Interviews. Frau Kapsch berichtete von einer sportlich orientierten Kindheit und davon, wie ausdrucksstark der Sport für die Idee dieses eigenen Staates und wie erschreckend schmal die Grenze zwischen Freizeitsport und politisch gefördertem Leistungssport bis zum Doping gewesen sei. Vor allem aber, wie sich dies auf jedes sportliche und damit Erfolg für das System versprechende Kind in der DDR bezog, selbst bis in die kleinsten Dörfer des Staates.
Neben dem Sport gilt auch Religionsverneinung als auffälliger Einschnitt, besonders für den auf dem Land aufgewachsenen Herrn Wichner, dessen Interesse für Religion schnell in früher Schulzeit eingedämmt und als „potentiell zukunftsgefährdend“ bewertet wurde. Alternativ zur Konfirmation bzw. Kommunion stand die „Jugendweihe“ als Eintritt in das Erwachsenenalter als Lebensabschnitt fest.

Zu diesem Ereignis erhielt jeder Jugendliche damals ein Buchgeschenk mit Informationen zur Allgemeinbildung, das vermeintlich nach dem Sinn des Lebens fragte, aber am Ende eher systemkonforme Antworten bereithielt.

Neben diesem Anschauungsmaterial hatte Frau Kapsch noch zahlreiche Dokumente mitgebracht, wie Schulzeugnisse und Mitgliedsbücher der „Freien Deutschen Jugend“ oder deren Netzwerk für Jüngere, der „Jungen Pioniere“, Abzeichen, Sportmedaillen und Urkunden, z. B. auch für gutes Lernen oder Mitwirkung an künstlerischen oder kulturellen Wettbewerben, welche von einer kollektivierten und sowjetisch-deutsch politisierten Jugend zeugten, wie sie uns heute vom anderen Stern zu stammen scheint. Freiheit galt als relativer Begriff, der sich an die gegebene Situation anzupassen hatte.

So sei es eben auch Freiheit gewesen, wenn man wusste, man konnte sich Waren im Geschäft frei aussuchen oder erhalte in 15-20 Jahren ein eigenes Fahrzeug, wie z. B. einen Trabant oder Wartburg. Vielleicht war es auch ein Gefühl von Freiheit, wenn man sich einen Familienurlaub vom Betrieb aus leisten konnte.

Gruppenbild

v. l. n. r.: Louisa Brandt, Frau Kapsch, Herr Wichner (Larissa Rhode war am Tag des Gesprächs erkrankt) (Foto: A. Huber)

Auf die Frage, wie man denn heute über den Lebensabschnitt DDR reflektiere, war es beiden Zeitzeugen wichtig zu betonen, dass man trotz der politischen Umstände und vieler Negativerfahrungen innerhalb des politisches Systems dank der familiären Sicherheit und Einbindungeine glückliche, geborgene, in der Tat schöne Kindheit gehabt habe und dass alltägliche Aspekte – z. B. die gesellschaftlich angestrebte Gleichberechtigung und das praxisorientierte Bildungssystem – in guter Erinnerung bleiben.

Die beiden Zeitzeugen verbrachten ihre Kindheit in der DDR. Ihre Erfahrungen stützen sich demnach ausschließlich auf diese Perspektive.

Ruta Kauschke

 

Fachgruppe Deutsch

 

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