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Der Stolperstein für Heinrich Jasper vor dem Eingang des Wilhelm-Gymnasiums

 

Stolpersteine im östlichen Ringgebiet beschmiert

15.06.2016: Vor einigen Wochen wurden im östlichen Ringgebiet mehrere Stolpersteine mit Hakenkreuzen beschmiert. Es waren die Stolpersteine für die jüdische Familie Tannchen und für den mit ihnen verwandten Herbert Hinzelmann, die dort in der Wachholtzstraße 1 ihren letzten frei gewählten Wohnort hatten. Die Söhne der Familie Tannchen waren Schüler des Wilhelm-Gymnasiums.

Die Familie Tannchen aus Braunschweig

Nach dem ersten Weltkrieg kam Leo Tannchen mit seiner Frau Gertrud und seinen drei Söhnen Heinz Ferdinand, Rudolf Alfred und Siegfried Franz nach Braunschweig, wo er ab 1920 als Rechtsanwalt und Notar tätig war. Leo Tannchen behielt auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten vorerst seine Praxis, da er im Ersten Weltkrieg als Soldat gekämpft hatte. Allerdings wurde er im April 1933 für sieben Tage in „Schutzhaft“ genommen und verlor im November 1935 sein Notariat. Zwischen 1934 und Mitte 1938 setzte er sich für die jüdischen Gemeinschaften in Braunschweig und Wolfenbüttel ein. Nach dem Selbstmord seines Kollegen Mielziner im November 1937 war er gemeinsam mit dem christlich getauften Dr. Lipmann (beides ehemalige Schüler des Wilhelm-Gymnasiums, an deren Schicksale Stolpersteine vor der Schule erinnern) der einzige Rechtsanwalt jüdischer Herkunft in Braunschweig. Am 10.11.1938 wurde Leo Tannchen ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Einen Monat später, am 14.12.1938 wurde er, schwer misshandelt, wieder entlassen und angewiesen, Deutschland zu verlassen. Eine Woche später emigrierte Leo mit seiner Familie nach Argentinien. Ihre Wohnung wurde billig verkauft und die Familie musste Judenvermögens- und Auswanderungsabgaben, Reichsfluchtsteuer, Überfahrt und Umzug bezahlen. Die Summe dieser Ausgaben betrug über 9000 Reichsmark und damit ungefähr ein halbes Jahresgehalt. In Argentinien war Familie Tannchen auf Hilfe jüdischer Hilfsvereine angewiesen, da sie kein Eigeneinkommen hatte.

Der älteste Sohn Heinz Ferdinand (geb. 19.12.1913) wollte nach seinem Abitur am Wilhelm-Gymnasium im Jahre 1933 zwar ebenso wie sein Vater Jura studieren, machte dann aber eine Ausbildung zum Kaufmann. 1935 - 1936 hielt er sich auf Gut Winkel in einem Ausbildungslager für die Emigration nach Palästina in der Nähe von Berlin auf. Am 06.07.1936 emigrierte er nach Palästina, 1953 siedelte er in die USA über und zog nach Colorado.

Rudolf Alfred (geb. 14.11.1915) studierte nach dem Besuch des Wilhelm-Gymnasiums (Abiturientia 1935) Sprachen und wurde nach der Flucht nach Argentinien in Cordoba Sprachlehrer und Universitätsprofessor.

Siegfried Franz (geb. 12.07.1917) emigrierte schon im Oktober 1936 nach Argentinien, wo er als Kaufmann tätig war. Später zog er wie sein ältester Bruder in die USA.

Auch Herbert Heinzelmann, der Bruder von Gertrud Tannchen, wurde 1938 ins KZ Buchenwald deportiert. Mit Unterstützung der Schwester entflohen Herbert und Margarete Heinzelmann dem Naziterror im Jahre 1939.

Vandalismus an der Gedenkstätte Schillstraße

Wenige Tage nach den Schmierereien auf den Stolpersteinen wurden zahlreiche Gedenktafeln an der Gedenkstätte in der Schillstraße verschandelt. Am historischen Ort eines KZ-Außenlagers wird hier die Geschichte Braunschweigs im Nationalsozialismus dokumentiert. Im Mittelpunkt steht dabei das „Offene Archiv“, zu dem Personen und Institutionen jeweils Beiträge zur Erinnerung oder Auseinandersetzung mit der Geschichte Braunschweigs im Nationalsozialismus leisten. Auch das Wilhelm-Gymnasium ist an diesem Offenen Archiv mit einem eigenen Beitrag beteiligt.

Der Vandalismus, der sich offen gegen die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus richtet, fordert uns auf, klare Zeichen zu setzen und sich bewusst mit der Geschichte sowie mit der Erinnerung auseinander zu setzen.

Schülerinnen und Schüler aus dem Arbeitskreis „WGeschichte - Geschichte am WG“ unter Verantwortung von Herrn Duwe und Frau Conrady (15.06.2016)

 

Biografische Angaben nach Stolpersteine für Braunschweig - Tannchen (basierend auf Recherchen von Schülerinnen und Schülern der IGS Querum)

 

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