Home Berichte 2016 August - Dezember

„Orpheus in der Unterwelt“

Bereits zu Beginn des Stückes wird der Zuschauer von der Dämonin Medea (Dunja Fest) brüllenderweise aufgefordert, während der Aufführung ohne „Herrscherblitz“ zu fotografieren und es wird darauf hingewiesen, sollte einer der mobilen „Zauberspiegel“ plötzlich Geräusche machen, gebe es ein großes Unheil.

Das eigentliche Stück beginnt dann mit einer Szene, die völlig aus dem Zusammenhang gerissen scheint und ein wenig Verwirrung stiftet.

Hades (Leonard Meschter) wird angefleht, Eurydike (Janina Haeßer) gehen zu lassen. Nach kurzer Überlegung entscheidet er sich jedoch dazu, irrsinnig lachend, mit einem Messer bewaffnet auf die Anwesenden zuzulaufen. Hieraufhin geht das Licht im Saal aus.

Die anschließenden Szenen sind eine Rückblende und zeigen, wie es zum vorher gezeigten Eklat kam.

Ausgelassen lachend betreten Orpheus (Jonas Day) und eine gewisse Helena (Clara Brakebusch) die Bühne. Im Schlepptau haben sie die schlecht gelaunt wirkende Eurydike. Helena und Orpheus wundern sich, wie diese in ihrer Hochzeitsnacht so niedergeschlagen ist, und es erweckt den Eindruck, sie empfinde Helena als Störfaktor. Als ebendiese verschwunden ist, hört Eurydike während einer Unterhaltung eine Stimme, die in verheißungsvollem Ton ihren Namen flüstert. Sie bringt Orpheus dazu, sie kurz allein zu lassen und sie unterhält sich mit der Stimme, die, wie sich zeigt, keinem geringeren als Hades selbst gehört. Sie wird aufgefordert, sich am Platz der toten Dichter einzufinden.

Der anschließende Streit mit ihrem (frisch angetrauten) Gatten bewegt Eurydike den Anweisungen des Herrschers der Unterwelt Folge zu leisten, was den Anstoß für die nervenaufreibenden Abenteuer gibt, in die Orpheus sich zu stürzen bereit ist, um seine Gattin aus den Händen Hades‘ zu befreien.

Doch es kommt, wie es kommen muss: Orpheus trifft gerade rechtzeitig ein, um zu bezeugen, wie Hades mit Eurydikes Seele von dannen zieht und ihren scheinbar leblosen Körper zurücklässt.

Orpheus akquiriert Helena, mit ihm in die Unterwelt zu gehen, um Eurydike zurück unter die Lebenden zu holen und man bricht auf.

Die beiden treffen auf dem Weg in die Unterwelt auf den nordischen Gott Loki (Bente Gaumert), der ebenfalls auf dem Weg in das Reich der Toten ist und dieser schließt sich der kleinen Unternehmung an.

In der nächsten Szene wird Medea, die der Zuschauer bereits als sich rüde ausdrückende Dämonin kennenlernte, im Streitgespräch mit dem Geist Kassandra gezeigt. Sie liefern sich ein Wortgefecht sondergleichen.

Kurz darauf begegnen Orpheus und Gefolge den beiden Bewohnerinnen der Unterwelt, die sich, auch in dieser Situation, sehr wohl zu artikulieren wissen und den Lebenden keinen Zutritt zum Reich der Toten, ins Reich von Hades, gewähren. Allen Anwesenden wird also Lokis Geschick in Bezug auf Manipulation demonstriert, als er Medea und Kassandra mit einem Fingerschnippen zurück dahin zwingt, wo sie herkamen.

Die Teilnehmer der Unternehmung dürfen also passieren und sehen sich der Fährfrau Chare (Deborah Diethelm) gegenüber, die sich aufgrund falscher Vorurteile ihre Person betreffend echauffiert. Sie kann aber durch Loki „überzeugt“ werden.

Die nächste Szene zeigt Hades, der Eurydike den Grund für ihren Aufenthalt/ihre Gefangenschaft in der Unterwelt erläutert: Sie soll nach einem äußerst schmerzhaften Ritual unsterblich sein und ihm als Dienerin zur Seite stehen. Eurydike präsentiert sich wenig angetan und als sie gebeten wird, auf dem Thron an Hades Seite Platz zu nehmen, fragt sie, ob Persephone kein Problem damit hätte. Hades reagiert erzürnt und schreit Eurydike an sich endlich hinzusetzen. Sie gehorcht, fordert jedoch ihren Vermählten noch ein letztes Mal zu sehen, bevor sie die Dienerin des Gottes wird.

Nun treffen Orpheus, Helena und Loki ein und es spielt sich erneut die Szene ab, die bereits zu Anfang stattfand und als das Geschehen die Gegenwart einholt, wird klar, dass sich Hades‘ Dolchattacke gegen Loki richtete. Er begründet die Tat damit, dass eines Tages Loki, eine Armee im Rücken, eine Stadt angreifen werde und nicht einmal eine Gruppe genannt „Die Rächer“ bestehend aus dessen Bruder und anderes illustren Gestalten Widerstand leisten könne. Er habe also vernünftig gehandelt, indem er dieses Unheil verhinderte.

Hades stellt Eurydike frei und erlaubt die Rückkehr zur Erdoberfläche, wenn Orpheus und Helena es schaffen, sich, während sie die Rückreise absolvieren, keine einziges Mal nach Eurydike umdrehen. Sollte man sich nicht an diese Bedingung halten, bleibt sie in der Unterwelt und wird Hades' Dienerin.

Als die drei sich erneut über den Styx setzen lassen, erfährt das Publikum, dass Loki überhaupt nicht tot ist, obgleich er kurz vorher so unfassbar dramatisch verschieden ist.

Kurz bevor die Gefährten endgültig die Unterwelt verlassen, haben Medea und Kassandra ein weiteres, kleines Stelldichein und bringen Helena mit einem Trick dazu, sich umzudrehen.

Eurydike muss also zurück zu Hades. Das kann Orpheus so selbstverständlich nicht hinnehmen und marschiert zurück Richtung Hades‘ Palast.

Als Orpheus eintrifft, findet gerade die besagte Zeremonie, von schaurigem Gesang begleitet, statt. Er schreitet ein und das Ritual wird von den umstehenden Folterknechten als abgebrochen angesehen. Orpheus bietet sich als Tribut für Eurydike an und in einem akuten Anfall von Menschlichkeit erlaubt Hades dem jungen Paar sein Reich nun zu verlassen.

Hades macht seinem Unmut sich über Persephone beschwerend Luft und gesteht seine Liebe zu Eurydike.

 

Das Stück „Orpheus in der Unterwelt“ von Leonard Meschter ist in meinen Augen wirklich gelungen und unterhaltsam umgesetzt worden.

Die umgangssprachlichen und bisweilen etwas vulgär gehaltenen Dialoge sind in der Regel nachvollziehbar und sparen nicht an Fäkalausdrücken. Die Anspielung auf den Spielfilm „The Avengers“ (2012) ist ein netter Bezug auf die Gegenwart, lässt jedoch vermuten, Lokis einzige Funktion sei, einen Grund für ebendiesen Witz zu liefern.

Die dargebotene Musik, zum Beispiel das von Jannis Osterburg komponierte und vorgetragene Stück, der Gesang des Chors und teilweise aus Musicals entliehene, dem Kontext angepasste Lieder tragen zur Bildung einer angenehmen Atmosphäre bei.

Das Lied, welches während des etwas okkultistisch anmutenden Rituals spielt, scheint von großen Teilen des Ensembles gesungen und aufgenommen worden zu sein und wird dann abgespielt. Der Text und die Melodie verstärken den zeremoniellen Charakter des Geschehens auf der Bühne zusätzlich.

Auch die Kostüme einiger Schauspieler passen gut zum etwas „trashigen“ Eindruck, den die gesamte Aufführung vermittelt.

So tritt der weibliche Fährmann im Matrosenanzug auf, Hades‘ Umhang ist deutlich zu kurz um zum Beispiel einen dramatisches Wallen sehen zu lassen, wenn dieser in einem Anflug geistiger Umnachtung lachend den Gang hinunter rennt.

Die Bewohner der Unterwelt sind zudem alle blass geschminkt.

Das Stück hatte keine Längen und hat über die gesamte Zeit unterhalten und somit eine interessante Alternative zum normalerweise stattfindenden Unterricht geboten.

 

S. Ballwanz

 

zurückblättern | Seitenanfang | Sitemap | Impressum